Inv.nr. 700.0089
Zeichen Platzmal (1969)
Serigrafie, 5/10, signiert rechts unten Hajek, bezeichnet rechts unten E.A. 5/10 – 69/X
61 x 59 cm
Die annähernd quadratische Serigrafie ist in Zitronengelb und Dunkelblau gehalten, wobei das Papier als Farbe verwendet zusätzlich dazu eingesetzt wurde, um Akzente zu setzen.
In der Bildmitte steht ein auf die Spitze gestelltes tiefblaues Quadrat, dessen Seitenlinien dort, wo sie an andere Flächen stoßen, weiß abgesetzt sind. Ihm einbeschrieben sind vier im rechten Winkel abknickende weiße Linien, die die linke obere und untere Randlinie in gleichem Abstand voneinander aufnehmen. Dadurch entsteht eine vierfache Pfeilstruktur, die in der rechten Spitze in der geometrischen Figur des Quadrats die große Fläche im Kleinen wiederholt. Die vier übrigen Linien umfassen selbstverständlich ebenso Quadrate, wobei dieser Aspekt weniger prominent zum Tragen kommt.
Das Quadrat stößt mit seiner unteren Spitze in ein ebenso tiefblaues, unstrukturiertes Dreieck, dessen obere Spitze dadurch überschnitten wird. Auf dieselbe Weise überlagert das Quadrat mit seiner oberen Spitze in ein gelbes, unstrukturiertes Dreieck. Die Flächen, die zwischen dem unteren, blauen Dreieck und dem Quadrat durch die Überschneidung entstanden sind, bilden weitere Dreiecke aus, die allerdings an den seitlichen Ecken des Quadrats mit einer horizontalen bildhalbierenden Linie abschließen, die stehenden Dreiecke somit beschneiden. Ihnen einbeschrieben sind wiederum drei weiße Linien, die seitenparallel zu den beiden Katheten der Dreiecke verlaufen. Die äußerste dieser Linien führt zur oberen Ecke des Dreiecks, was den dreieckigen Charakter der geometrischen Figur noch verstärkt. Die spiegelsymmetrischen Flächen oberhalb dieser angeschnittenen Dreiecke sind unfarbig belassen.
Zahlreiche Stadtzeichen der späten 1960er und der 1970er Jahre sind als auf die Spitze gestellte und auf Sockeln platzierte Quadrate ausgeführt. In Zusammenhang mit dem Titel der Serigrafie wird aber deutlich, dass es sich hier um ein ganz spezielles »Platzmal« handelt, das hiermit gemeint ist. Die Serigrafie »Zeichen Platzmal« reflektiert die Skulptur, die den Kleinen Schlossplatz in Stuttgart in der Vertikalen bis zu seiner Umgestaltung unlängst erschloss. Dabei handelt es sich um die Projektion des zentralen Elements der Plastik »Stadtzeichen«, die 1969 entstand und die anlässlich der Ausstellung im selben Jahr temporär auf der Königsstraße vor der Alten Börse aufgestellt war. Wie die farbliche Variation die Wirkung dieses Elements verändert, ist nachvollziehbar im Vergleich von Serigrafie und Ausstellungsplakat.
Hajek hat diesen Platz als „assoziales Element“ im Stadtraum Stuttgarts bezeichnet, auf dem er beim Überqueren „Raumangst“ bekomme. Deshalb forderte er, der Platz müsse eine „»begehbare Plastik« mit Zonen verschiedener Bedeutsamkeit“ werden. Die Ausstellung auf dem Kleinen Schlossplatz ist in ihrer Auffassung des Stadtraumes als Kunstort ein erster Weg in diese Richtung. Betrachtet man Fotografien vom Kleinen Schlossplatz, der für die Finissage dieser Ausstellung 1969 bemalt wurde, so wird deutlich, dass Hajek durch die Aufstellung von Kunstwerken und die Bemalung des Platzes einen öffentlichen Kommunikationsort für die Menschen geschaffen hatte. Die Lithografie »Stuttgart« stellt die künstlerische Antwort auf die Bewegungen der Teilnehmer des Happenings dar, ist ein drei Jahre danach entstandenes Psychogramm, das die Bewegungen der Besucher auch nach dem Ende der Ausstellung konserviert.
Deutlich wird bei der Durchsicht der Literatur zum Thema „Happening“, dass Hajek durchaus in dieser Bewegung eine wichtige Rolle insbesondere für den Süddeutschen Raum spielte, insofern, als ein Großteil dieser Aktionen sich im Kölner Raum und dort rund um die Künstlergruppe ZERO abspielte. Die Behauptung Hajeks, er sei der erste Künstler gewesen, der mit seiner Kunst in den Außenraum gegangen sei , ist allerdings nicht haltbar. Allgemein wird Wolf Vostell als Begründer des deutschen Happenings angesehen. Den Begriff „Happening“ verwendet erstmals Allan Kaprow 1959, als er in der Reuben Gallery in New York seine »18 Happenings in Six Parts« vorstellte. Schon wenige Jahre später war der Begriff zu einem Modewort geworden, unter dem sehr verschiedene Richtungen avantgardistischer Kunst subsumiert werden. Hajeks Aktionen können – der Definition Winfried Nöths folgend – dabei der Kategorie „Event“ oder „Activity“ zugeordnet werden, bei dem die Teilnehmer unter dem Motto „Kunst = Leben“ vom Künstler z.B. durch Straßen, Gebäude, Parkanlagen geführt wurden, wo ihre Aufmerksamkeit auf die alltäglichen Dinge gelenkt wurde. Die Spielart Hajeks war es dabei, Kunstwerke als Vermittler einzusetzen, die durch ihre Provokationsqualitäten den Blick des Betrachters schärften und ihn dadurch dazu aufforderten, sich mit seiner Umgebung intensiver auseinanderzusetzen.nFußnote:
Vgl. WV Hajek, a.a.O., P 393 und P 394 a – b, P 396 a – d und P 397 (WV Hajek, a.a.O., S. 193 f.). Eine Abwandlung dieses Motivs stellen auch die »Römischen Zeichen« dar, die Hajek in Zusammenhang mit der Gesamtgestaltung des Mineralheilbades Leuze in Stuttgart entwarf (P 503 a, b; P 504 a, b; P 505 a,b, WV Hajek, a.a.O., S. 207)
Es handelt sich um die Skulptur P 394 a (WV Hajek, a.a.O., S. 193), die zunächst in Preßspanplatten ausgeführt wurde und einige Jahre auf dem Kleinen Schlossplatz stand. Für die Ausstellung in Nürnberg wurde sie in Bronze gegossen und war während des Zeitraums der Ausstellung vor St. Lorenz aufgestellt; dieses Exemplar (P 394 b, WV Hajek, a.a.O., S. 194) ist im Besitz der Sparda-Bank (Inv.nr. 500.0028) und steht seit dem 24. Mai 2006 als Leihgabe auf dem Bahnhofsvorplatz in Karlsruhe.
Inv.nr. 700.0420, Abb. in Kat. Druckgrafik I, S. 144 rechts.
Hajek, O.H.: Stuttgart – Kleiner Schlossplatz, Erstabdruck in der Stuttgarter Zeitung 1968, Zit. nach: Ausst.kat. Lübeck 1974, a.a.O., S. 61–63, hier: S. 63. Einen Eindruck von der Wirkung des Platzes während der Ausstellung gibt die Abbildung in Katalogbuch Nürnberg 1987, S. 270/271 bzw. die Fotografien in: Stulle, Johanna / Rupps, Martin (Hrsg.): Otto Herbert Hajek. Ein Leben im öffentlichen Raum. Stuttgart/Leipzig 2002, S. 58 und 59. Zu der Finissage entwarf Hajek zudem Flugblätter, die mit Rückantwortkarten versehen als Happening an Ballons in den Himmel stiegen. Zum Begriff des Happenings vgl. Becker, Jürgen / Vostell, Wolf: Happenings. Fluxus – Pop Art – Nouveau Réalisme. Hamburg 1965 sowie Sohm, Hans / Szeemann, Harald (Hrsg.): Happening / Fluxus. Materialien. Ausst.Kat. Kölnischer Kunstverein. Köln 1970.
Inv.nr. 700.0148, Abb. in Kat. Druckgrafik I, S. 104.
„…1966 hatte ich, … eine für mich sehr bedeutende Ausstellung in der Op-Art Galerie mit Skulpturen im öffentlichen Raum, auf dem Marktplatz, ich glaube überhaupt zum ersten Mal. Im Februar ’66 zum Ende der Ausstellung wurde eine Finissage veranstaltet, eine Wortfindung von mir. Zu dieser Finissage habe ich auf den Einfallstraßen nach Esslingen und zur Op-Art Galerie hin auf der Straße Spuren – Farbwege – gezogen. … Hier in Esslingen habe ich zur Finissage zum ersten Mal durch Flugzeuge mit farbigen Kondensstreifen – Farbwege – über den Stadtraum gezogen, …“ (Hajek, Eröffnungsrede Neckarwerke Esslingen 7. Mai 1992, unpubliziert, GMN Nürnberg)
Becker/Vostell, a.a.O., S. 11 f.
Nöth, Winfried: Strukturen des Happenings. Hildesheim 1972, S. 8