O. H. Hajek Museum

Werkarchiv

Platzmalvariante V 70/14

Platzmalvariation V

Künstlerisches Medium:Druckgrafik

Technik:Serigrafie

Entstehungsjahr:1970

Inv.nr. 700.0106
Platzmalvariante V (1970)
Serigrafie, Auflage 10/35, signiert rechts unten Hajek 70/14 (Bleistift), bez. links oben Platzmal Erinnerung (eingedruckt), bez. links unten 10/35 Platzmalvariante V (Bleistift)
50 x 65 cm

Bei dieser Serigrafie handelt es sich um eine farbliche Variante von Inv.nr. 700.0102.
Innerhalb einer unregelmäßigen, der inneren Form folgenden und diese zum Teil überlagernden blauen Rahmung entwickelt sich ein spannungsvolles System aus Diagonalen und abknickenden Streifen, die zum Teil durch kleine rote Quadrate und Rechtecke akzentuiert werden.
In der linken oberen Ecke steht in kräftigen roten Blockbuchstaben der Schriftzug »Platzmal Erinnerung«. Etwas höher als der Schriftzug und mit einem deutlichen Abstand zu ihm beginnt ein roter Streifen, der die rechte Hälfte rahmt und am unteren Rand zunächst breiter wird, um sich in ein System von Linien und Blöcken aufzufächern. Ein Teil der roten Rahmung ist dort mit dünnem Streifen senkrecht in die farbige Gestaltung hineingeführt, diese überlagernd. Dieser Streifen knickt nach rechts in einen dünnen Strich ab, der bis annähernd zur Bildmitte geführt ist, erneut nach oben abknickt und nach wenigen Zentimetern wieder in die Horizontale schwenkt. Von dort wird er, nun etwas dicker geworden, bis fast an den unteren Blattrand herangeführt, wo er, noch etwas kräftiger, zunächst waagerecht, dann in einem Absatz die untere und linke Grenze der farbigen Platzgestaltung markiert. Überschnitten von einer roten senkrechten Großform, die sich von links in das Bild hineinschiebt, führt dieser Strich senkrecht weiter und bleibt auch nach einem weiteren Abknicken unterhalb des Schriftzugs Rahmenlinie des Systems aus farbigen Diagonalen, denn sie endet, nach einer weiteren Senkrechten, an dem roten Streifen, der neben dem Schriftzug ansetzt. Diesem ist in der rechten oberen Ecke ein schmales, an der Kante ansetzendes Querrechteck einbeschrieben, das sich aus einer waagerechten und einer senkrechten weißen feinen Linie ergibt.
Begibt man sich erneut an den unteren Rand der Serigrafie, so korrespondiert die Behandlung der Endsituation des breiten Balkens in der rechten unteren Ecke mit dem roten senkrechten Balken, der sich von links an bzw. leicht über die farbige Platzgestaltung schiebt. Am unteren Blattrand handelt es sich um ein Querrechteck, dessen rechte Kante durch die in die Senkrechte abknickende kräftige Linie gebildet wird, während die untere Kante die Fortführung des breiten roten Balkens bedeutet. Zur Verdeutlichung dieser Rechtecksituation ist in der rechten Ecke ein rotes Quadrat einbeschrieben, das mit feiner weißer Linie gerahmt ist. Die linke und obere Fläche des Rechtecks wird von jeweils zwei feinen weißen, parallelen Linien geprägt, die zudem in ihrer Länge den Kanten des Quadrats entsprechen, zu dem sie ebenfalls parallel verlaufen. Sie werden überlagert von einem System unregelmäßiger, unterschiedlich kräftiger weißer Punkte, die zum Teil bis an die Kanten des Rechtecks anstoßen. Am linken Blattrand, innerhalb des ebenfalls roten Hochrechtecks, wiederholt sich dieses System aus feinen Linien und Punkten: Die untere rechte Ecke wird durch eine feine weiße Linie betont, innerhalb derer sich zahlreiche Punkte in unregelmäßiger Anordnung befinden. Die obere rechte Hälfte wird von drei parallelen senkrechten Linien geprägt, von denen die äußerste in der Verlängerung auf die weiße senkrechte Linie in der unteren Hälfte stößt. Am linken Rand wechseln sich in regelmäßigen Abständen kurze weiße waagerechte Linien ab, wobei auf eine Linie eine gedoppelte Linie folgt, an die sich erneut eine einfache und eine gedoppelte Linie anschließen. Die Mitte des Rechtecks wird betont durch ein auf der Spitze stehendes, kleines weißes Quadrat, dessen untere Spitze auf Höhe der Endpunkte der drei parallelen Linien liegt und dessen obere Spitze ansetzt auf Höhe der zweiten einfachen waagerechten Linie.
An dieses Hochrechteck schließt sich ein weiterer hochformatiger, roter Streifen an, der sich entlang der Platzgestaltung nach oben bis zum Schriftzug entwickelt und dort zu einem Quadrat wird. Auch an seinem unteren Rand ist dieser Streifen zu einem kleineren Quadrat geworden, dessen rechte Seite sich über die Platzgestaltung schiebt. Dem Streifen selbst ist eine zweifach abknickende feine weiße Linie einbeschrieben, der das kleinere der beiden Quadrate als graphische Form zu wiederholen scheint.
Durch die verschiedenen Einzüge dieser Rahmung entstehen am unteren Rand des Blattes und unterhalb des Schriftzugs weiße Flächen, die zusätzlich den Blick auf den farbig gefassten Platz lenken. Das größere Quadrat, das unterhalb des Schriftzugs ersichtlich ist und das auf einer horizontalen roten Linie aufsetzt, findet seine Entsprechung in der Fortführung der Linie als Bruchkante innerhalb der Platzgestaltung, wodurch ein dreimal so breites Querrechteck entsteht, das farbig durchgestaltet ist. Hier wechseln sich diagonale Streifen in blau, gelb, blau, weiß und wieder blau ab, die nach links geneigt sind. Die restliche Fläche innerhalb der roten Rahmenlinien wird als eine Fläche behandelt, die sich von links nach rechts entwickelt und dabei eine zunehmende Dynamik erfährt. Die Diagonalen setzen in der linken oberen Ecke – also unterhalb des roten Quadrats – an. Auf blau folgt schwarz, weiß und gelb. Dieser Streifen ist deutlich breiter als die vorherigen und wird im oberen Bereich zu weiten Teilen überschnitten von einem blauen Streifen, der nach kurzer Strecke nach rechts abknickt und – parallel zur rechten Kante des gelben Streifens – nach einem weiteren Knick fortgeführt wird in einem weißen Streifen. Dieser legt sich um die untere Überschneidung durch roten Linien, endet in einer schrägen Linie, an die sich ein blauen Trapez anschließt. Das hier eingefügte kleine Hochrechteck ist durch den Überdruck von rot auf blau zu einem sehr dunklen Violett geworden.
Der blaue Streifen, der den gelben überschneidet und mit seiner rechten Kante an die linke Ecke der oben beschriebenen Bruchkante anschließt, markiert zugleich den Beginn zunehmender Dynamisierung. Denn nun entwickelt sich in drei Streifen das Spiel mit Positiv- und Negativform. Auf blau folgt weiß und dann wieder blau, unterhalb des zweiten Knicks setzt weiß an blau an, blau an weiß. Dadurch tritt diese drei Streifen umfassende Zone plastisch aus dem Bild hervor, der gelbe überschnittene Balken wird zu flachem Hintergrund, über den sich die raumgreifenden Spitzen anstellen. Die Form aufnehmend fügt sich ein schwarzer Streifen an, dessen rechte Kante nach dem Knick allerdings länger gezogen ist als die der vorhergehenden Streifen, so dass eine breite schwarze Fläche unterhalb des zweiten Knicks entsteht und dieser keine waagerechte Linie bildet. Diese Fläche wird zur Seitenbegrenzung der Erhabenheit. Ein weiterer gelber Streifen schließt sich an, der am rechten Knick des schwarzen Streifens – also oberhalb der breiteren Zone – in einer waagerechten Linie endet, die rechts an die rote Rahmenlinie anstößt. Unterhalb ist in der ausgesparten Ecke ein blaues Dreieck zu sehen, dessen in das Bild hineinragende Ecken angeschnitten sind durch die gelbe Kante und eine rote Senkrechte. Ihm sind zwei kleine Hochrechtecke einbeschrieben, die sich an der Diagonalen orientieren und durch Farbmischung ein dunkles Violett sind. Dadurch treten sie nur leicht hervor. Die rechte obere Ecke – die durch die Bruchkante entstanden ist – ist weiß, wobei es sich auch hier um ein angeschnittenes Dreieck handelt, dessen obere Ecke die Breite der über der Bruchkante anschließenden blauen Fläche aufnimmt. Das ihm einbeschriebene rote kleine Hochrechteck ist durch die große Farbdifferenz prominent, wie dies auch in den übrigen weißen Flächen – wo zumeist die roten Hoch- und Querrechtecke eingefügt sind – der Fall ist.
Insgesamt wirkt diese Farbgestaltung sehr ausgewogen, da kräftige Farben mit starken Kontrasten von einem Rahmensystem umfasst werden, das sich an einigen Stellen gut einfügt in die Platzgestaltung. Die in der Platzgestaltung integrierten Quadrate und Rechtecke treten plastisch hervor und legen sich, wie auch in Inv.nr. 700.0104, jedoch nicht ganz so prominent, als ein unregelmäßiges Raster über sie.
Dieses Blatt, wie auch die vorangehenden (Inv.nr. 700.0101 – 0105) und die folgenden (Inv.nr. 700.0107 – 700.0116) sind der Ausstellung »Platzmal« auf dem Kleinen Schlossplatz Stuttgart und der Galerie der Stadt Stuttgart zuzuordnen, die vom 24. Juli bis 30. September 1969 zu sehen war. In diesem Zusammenhang stellen die vollfarbigen Flächen rund um die Farbfassung im Zentrum die an den Schlossplatz anschließenden Gebäude dar, während die quadratischen und rechteckigen Flächen die Positionen der Skulpturen bezeichnen, die während der knapp zwei Monate währenden Präsentation den Schlossplatz möblierten. Wie bereits 1966 anlässlich der Finissage in der (op) art-Galerie in Esslingen hatte Hajek eine Flugstaffel mobilisieren können, um damit den Luftraum zum Kunstraum zu erklären. Auf den für die Finissage zusätzlich entworfenen Flugblättern hatte Hajek diese Farbraumgestaltung über die Auflistung seiner Gedanken zu den »Farbwegen« ihnen zugeordnet, so dass auch diese Ausstellung im Außenraum mit ihrer verhältnismäßig geometrisch-linearen (Farb-)Anordnung ebenfalls den »Farbwegen« zugeordnet werden kann.
Mit seinem Bestreben, den Außenraum, insbesondere den Himmel, nichtmilitärisch und vor allem zweckfrei ästhetisch zu okkupieren, rückt Hajek an Otto Piene und dessen Überlegungen wie auch Aktionen – insbesondere an seine Sky Art, die zwischen 1968 und 1972 in der Nachfolge der »Lichtballette« entstand – heran. Schon anlässlich der ZERO-Feste 1961 und 1962 ließen Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker in Düsseldorf Luftballons steigen und strahlten diese, ebenso wie Silberfolien am Nachthimmel an. Allerdings fehlt bei Hajek im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern die zweckfreie Unbeschwertheit, mit denen sich die Düsseldorfer und ihr neues Selbstgefühl feierten, mit der ein Kunstwerk nicht über den Moment hinaus intendiert war. Im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern ist bei Hajek von Anfang an ein pädagogischer Auftrag spürbar, will er mit seinen Kunstwerken im Außenraum etwas bewirken, das über den Augenblick hinaus wirkt, und möchte mit ihnen nicht nur den Kunstinteressierten erreichen, sondern vor allem den Passanten, dem er mit seinen Kunstwerken »Stolpersteine« zur Erfahrung und Wahrnehmung des Ich in der urbanen Umwelt in den Weg legt.
nFußnote:
Weiterführend vgl. Ausst.Kat. Lübeck 1974, S. 61 – 63 und die Abbildungen in Stulle/Rupps, a.a.O., S. 58 ff.
Ausführlich zu den Lichtballetten und den Sky Events von Otto Piene vgl. Gerbing, Chris: »Mit 12 x 12 Scheinwerfern zum Mond« Die Universalität des Raums in den Lichtballetten und Sky Events von Otto Piene, in: Beuckers, Klaus G. (Hrsg.): Zero-Studien. Aufsätze zur Düsseldorfer Gruppe Zero und ihrem Umkreis. Münster 1997, S. 83–111, hier insbesondere S. 98 ff.

zurück