O. H. Hajek Museum

Werkarchiv

Platzmalvariante II 70/11

Platzmalvariante II

Künstlerisches Medium:Druckgrafik

Technik:Serigrafie

Entstehungsjahr:1970

Inv.nr. 700.0103
Platzmalvariante II (1970)
Serigrafie, Auflage 28/35, signiert rechts unten Hajek 70/11 (Bleistift), bez. links oben Platzmal Erinnerung (eingedruckt), bez. links unten 28/25 Platzmalvariante II (Bleistift)
50 x 65 cm

Bei dieser Serigrafie handelt es sich um eine farbliche Variante von Inv.nr. 700.0102.
Innerhalb einer unregelmäßigen, der inneren Form folgenden und diese zum Teil überlagernden silbernen Rahmung entwickelt sich ein spannungsvolles System aus Diagonalen und abknickenden Streifen, die zum Teil durch kleine graue Quadrate und Rechtecke akzentuiert werden.
In der linken oberen Ecke steht in kräftigen silbernen Blockbuchstaben der Schriftzug »Platzmal Erinnerung«. Etwas höher als der Schriftzug und mit einem deutlichen Abstand zu ihm beginnt ein silberner Streifen, der die rechte Hälfte rahmt und am unteren Rand zunächst breiter wird, um sich in ein System von Linien und Blöcken aufzufächern. Ein Teil der silbernen Rahmung ist mit dünnem Streifen senkrecht in die farbige Gestaltung hineingeführt, diese überlagernd. Dieser Streifen knickt nach rechts in einen dünnen Strich ab, der bis annähernd zur Bildmitte geführt ist, erneut nach oben abknickt und nach wenigen Zentimetern wieder in die Horizontale schwenkt. Von dort wird er, nun etwas dicker geworden, bis fast an den unteren Blattrand herangeführt, wo er, noch etwas kräftiger, zunächst waagerecht, dann in einem Absatz die untere und linke Grenze der farbigen Platzgestaltung markiert. Überschnitten von einer silbernen senkrechten Großform, die sich von links in das Bild hineinschiebt, führt dieser Strich senkrecht weiter und bleibt auch nach einem weiteren Abknicken unterhalb des Schriftzugs Rahmenlinie des Systems aus farbigen Diagonalen, denn sie endet, nach einer weiteren Senkrechten, an dem silbernen Streifen, der neben dem Schriftzug ansetzt.
Begibt man sich erneut an den unteren Rand der Serigrafie, so korrespondiert die Behandlung der Endsituation des breiten Balkens in der rechten unteren Ecke mit dem silbernen senkrechten Balken, der sich von links an bzw. leicht über die farbige Platzgestaltung schiebt. Am unteren Blattrand handelt es sich um ein Querrechteck, dessen rechte Kante durch die in die Senkrechte abknickende kräftige Linie gebildet wird, während die untere Kante die Fortführung des breiten silbernen Balkens bedeutet. Zur Verdeutlichung dieser Rechtecksituation ist in der rechten Ecke ein silbernes Quadrat einbeschrieben, das mit feiner weißer Linie gerahmt ist. Die linke und obere Fläche des Rechtecks wird von jeweils zwei feinen weißen, parallelen Linien geprägt, die zudem in ihrer Länge den Kanten des Quadrats entsprechen, zu dem sie ebenfalls parallel verlaufen. Sie werden überlagert von einem System unregelmäßiger, unterschiedlich kräftiger weißer Punkte, die zum Teil bis an die Kanten des Rechtecks anstoßen. Am linken Blattrand, innerhalb des Hochrechtecks, wiederholt sich dieses System aus feinen Linien und Punkten: Die untere rechte Ecke wird durch eine feine weiße Linie betont, innerhalb derer sich zahlreiche Punkte in unregelmäßiger Anordnung befinden. Die obere rechte Hälfte wird von drei parallelen senkrechten Linien geprägt, von denen die äußerste in Verlängerung auf die weiße senkrechte Linie in der unteren Hälfte stößt. Am linken Rand wechseln sich in regelmäßigen Abständen kurze weiße Linien ab, wobei auf eine Linie eine gedoppelte Linie folgt, an die sich erneut eine einfache und eine gedoppelte Linie anschließen. Die Mitte des Rechtecks wird betont durch ein auf der Spitze stehendes, kleines weißes Quadrat, dessen untere Spitze auf Höhe der Endpunkte der drei parallelen Linien liegt und dessen obere Spitze ansetzt auf Höhe der zweiten einfachen waagerechten Linie.
An dieses Hochrechteck schließt sich ein weiterer hochformatiger Streifen an, der sich entlang der Platzgestaltung nach oben bis zum Schriftzug entwickelt und dort zu einem Quadrat wird. Auch an seinem unteren Rand ist dieser Streifen zu einem kleineren Quadrat geworden, dessen rechte Seite sich über die Platzgestaltung schiebt. Dem Streifen selbst ist eine zweifach abknickende feine weiße Linie einbeschrieben, der das kleinere der beiden Quadrate als graphische Form zu wiederholen scheint.
Durch die verschiedenen Einzüge dieser Rahmung entstehen am unteren Rand des Blattes und unterhalb des Schriftzugs weiße Flächen, die zusätzlich den Blick auf den farbig gefassten Platz lenken. Das größere Quadrat, das unterhalb des Schriftzugs ersichtlich ist und das auf einer horizontalen grauen Linie aufsetzt, findet seine Entsprechung in der Fortführung der Linie als Bruchkante innerhalb der Platzgestaltung, wodurch ein dreimal so breites Querrechteck entsteht. Hier wechseln sich diagonale Streifen in gelb, rot, gelb, weiß und wieder gelb ab, die nach links geneigt sind. Die restliche Fläche innerhalb der silbernen Rahmenlinien wird als eine Fläche behandelt, die sich von links nach rechts entwickelt und dabei eine zunehmende Dynamik erfährt. Die Diagonalen setzen in der linken oberen Ecke – also unterhalb des silbernen Quadrats – an. Auf gelb folgt blau, weiß und rot. Dieser Streifen ist deutlich breiter als die vorherigen und wird im oberen Bereich zu weiten Teilen überschnitten von einem gelben Streifen, der nach kurzer Strecke nach rechts abknickt und – parallel zur rechten Kante des roten Streifens – nach einem weiteren Knick fortgeführt wird in einem weißen Streifen. Dieser legt sich um die untere Überschneidung durch grauen Linien, endet in einer schrägen Linie, an die sich ein gelbes Trapez anschließt.
Der gelbe Streifen, der den roten überschneidet und mit seiner rechten Kante an die linke Ecke der oben beschriebenen Bruchkante anschließt, markiert zugleich den Beginn zunehmender Dynamisierung. Denn nun entwickelt sich in drei Streifen das Spiel mit Positiv- und Negativform. Auf gelb folgt weiß und dann wieder gelb, unterhalb des zweiten Knicks setzt weiß an gelb an, gelb an weiß. Dadurch tritt diese drei Streifen umfassende Zone plastisch aus dem Bild hervor, der rote überschnittene Balken wird zu flachem Hintergrund, über den sich die raumgreifenden Spitzen anstellen. Die Form aufnehmend fügt sich ein blauer Streifen an, dessen rechte Kante nach dem Knick allerdings länger gezogen ist als die der vorhergehenden Streifen, so dass eine breite blaue Fläche unterhalb des zweiten Knicks entsteht und dieser keine waagerechte Linie bildet. Diese Fläche wird zur Seitenbegrenzung der Erhabenheit. Ein weiterer roter Streifen schließt sich an, der am rechten Knick des blauen Streifens – also oberhalb der breiteren Zone – in einer waagerechten Linie endet, die rechts an die graue Rahmenlinie anstößt. Unterhalb ist in der ausgesparten Ecke ein gelbes Dreieck zu sehen, dessen in das Bild hineinragende Ecken angeschnitten sind durch die rote Kante und eine graue Senkrechte. Die rechte obere Ecke – die durch die Bruchkante entstanden ist – ist weiß, wobei es sich auch hier um ein angeschnittenes Dreieck handelt, dessen obere Ecke die Breite der über der Bruchkante anschließenden gelben Fläche aufnimmt.
Insgesamt wirkt diese Farbgestaltung deutlich flächiger als Inv.nr. 700.0102, da es sich um helle Farben handelt, die von einem farblich nicht so stark abgesetzten Rahmensystem umfasst werden. Die in der Platzgestaltung integrierten Quadrate und Rechtecke treten allerdings plastischer hervor und legen sich als ein unregelmäßiges Raster über sie.
Dieses Blatt, wie auch die vorangehenden (Inv.nr. 700.0101 und 0102) und die folgenden (Inv.nr. 700.0104 – 700.0116) sind der Ausstellung »Platzmal« auf dem Kleinen Schlossplatz Stuttgart und der Galerie der Stadt Stuttgart zuzuordnen, die vom 24. Juli bis 30. September 1969 zu sehen war. In diesem Zusammenhang stellen die vollfarbigen Flächen rund um die Farbfassung im Zentrum die an den Schlossplatz anschließenden Gebäude dar, während die quadratischen und rechteckigen Flächen die Positionen der Skulpturen bezeichnen, die während der knapp zwei Monate währenden Präsentation den Schlossplatz möblierten. Wie bereits 1966 anlässlich der Finissage in der (op) art-Galerie in Esslingen hatte Hajek eine Flugstaffel mobilisieren können, um damit den Luftraum zum Kunstraum zu erklären. Auf den für die Finissage zusätzlich entworfenen Flugblättern hatte Hajek diese Farbraumgestaltung über die Auflistung seiner Gedanken zu den »Farbwegen« ihnen zugeordnet, so dass auch diese Ausstellung im Außenraum mit ihrer verhältnismäßig geometrisch-linearen (Farb-)Anordnung ebenfalls den »Farbwegen« zugeordnet werden kann.
Mit seinem Bestreben, den Außenraum, insbesondere den Himmel, nichtmilitärisch und vor allem zweckfrei ästhetisch zu okkupieren, rückt Hajek an Otto Piene und dessen Überlegungen wie auch Aktionen – insbesondere an seine Sky Art, die zwischen 1968 und 1972 in der Nachfolge der »Lichtballette« entstand – heran. Schon anlässlich der ZERO-Feste 1961 und 1962 ließen Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker in Düsseldorf Luftballons steigen und strahlten diese, ebenso wie Silberfolien am Nachthimmel an. Allerdings fehlt bei Hajek im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern die zweckfreie Unbeschwertheit, mit denen sich die Düsseldorfer und ihr neues Selbstgefühl feierten, mit der ein Kunstwerk nicht über den Moment hinaus intendiert war. Im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern ist bei Hajek von Anfang an ein pädagogischer Auftrag spürbar, will er mit seinen Kunstwerken im Außenraum etwas bewirken, das über den Augenblick hinaus wirkt, und möchte mit ihnen nicht nur den Kunstinteressierten erreichen, sondern vor allem den Passanten, dem er mit seinen Kunstwerken »Stolpersteine« zur Erfahrung und Wahrnehmung des Ich in der urbanen Umwelt in den Weg legt.
nFußnote:
Weiterführend vgl. Ausst.Kat. Lübeck 1974, S. 61 – 63 und die Abbildungen in Stulle/Rupps, a.a.O., S. 58 ff.
Ausführlich zu den Lichtballetten und den Sky Events von Otto Piene vgl. Gerbing, Chris: »Mit 12 x 12 Scheinwerfern zum Mond« Die Universalität des Raums in den Lichtballetten und Sky Events von Otto Piene, in: Beuckers, Klaus G. (Hrsg.): Zero-Studien. Aufsätze zur Düsseldorfer Gruppe Zero und ihrem Umkreis. Münster 1997, S. 83–111, hier insbesondere S. 98 ff.

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