Inv.nr. 700.0107
Platzmalanfang I (1970)
Serigrafie, Auflage 7/10, signiert rechts unten Hajek 70/15, bez. links unten 7/10 Platzmalanfang I (beides Bleistift)
50 x 65 cm
Bei der vorliegenden Serigrafie handelt es sich um eine Verkürzung des Motivs der Serie Platzmalvariante I – V« (Inv.nr. 700.0102 – 0106), zu deren Ausführung noch zwei weitere Farbgänge nötig wären. Hajek hat hier die rahmende Struktur weg gelassen, also ausschließlich den durchkomponierten Platz dargestellt, und sich auf zwei Farben in der Widergabe beschränkt. Dadurch werden einige der Streifen breiter als in dem gerahmten Motiv, die hinter dem Motiv liegende Struktur wird sehr deutlich. Eine klare Rahmenkante gibt es aufgrund der Einschnürungen und Überschneidungen nicht, die die rahmende Struktur auf den Blättern »Platzmalvariante« in Bezug auf die Platzgestaltung vorgenommen hat. Alle Bilder dieser Serie sind auf reinweißem Papier gedruckt, wodurch die Farben leuchten.
Das Motiv ist aus der Mitte deutlich nach rechts gerückt und in eine schmale, horizontale Zone am oberen Rand und eine annähernd querrechteckige, einen Großteil des Blattes einnehmende Zone unterteilt. Die schmale Zone bildet ein fast geschlossenes Querrechteck, das durch schräg nach links geneigte Streifen untergliedert wird. In den Ecken setzt kein weiterer Streifen an, der dann angeschnitten wäre; vielmehr sind diese in einer Farbe gehalten, wodurch trapezoide Formen entstehen. Auf gelb folgt ein roter und wiederum ein gelber Streifen. Danach wird die geschlossene Form durch einen weißen Streifen aufgebrochen, der nach oben übergeht in das Weiß des Papiers. Es folgt zum Abschluss erneut eine gelbe Form in Erweiterung des Streifens die Ecke ausfüllend.
Dieses System der Streifen entwickelt sich in der Großform nach unten hin weiter bzw. wird in ihr aufgenommen in einem lockeren Spiel von Positiv- und Negativform. Außerdem macht Hajek durch das Anfügen eines weiteren Streifens an der linken unteren Ecke des kleinen Querrechtecks deutlich, wie er den erweiterten Streifen – nämlich als solchen – gelesen haben möchte. Die sich nach unten entwickelnden Streifen am oberen Rand der Großform verlaufen in einem etwas längeren Streifen zunächst nach links – sie sind also nach rechts geneigt –, um dann nach rechts abzuknicken. Unterhalb des Knicks nehmen sie die Rechteckform wieder auf, da sie etwa so lang sind wie die ihr einbeschriebenen, allerdings ist ihre Neigung etwas flacher. Links der unteren linken Kante des Querrechtecks ist ein gelber, abknickender Streifen zu sehen, auf den ein weißer – unterhalb des gelben Streifens – folgt. An ihn schließt sich mit einem erneuten Neigungswechsel nach rechts ein weiterer kurzer gelber Streifen an. An den roten Streifen oben fügt sich ein gelber Streifen in der Großform an, ein weiterer weißer folgt, der von einem roten Streifen abgelöst wird, dessen Bereich unterhalb des Knicks auf dieselbe Höhe herabgezogen wird, wie der kurze gelbe Streifen, der zuvor beschrieben wurde, der sich an die weiße, abgeknickte Fläche anschließt. Unterhalb des roten Streifens, seine untere Kante aufnehmend, schließt sich eine trapezoide Form in gelb an, die die Neigung des kurzen, nach rechts geneigten Streifens unterhalb der Zone abknickender Streifen aufnimmt.
Der rote Streifen, von dem zuvor die Rede war, hat zugleich rahmende Funktion, betrachtet man ihn in Zusammenhang mit dem zweiten roten Streifen, der in der linken Hälfte der Großform ist und im oberen Drittel überlagert wird von dem linken, abknickenden gelben Streifen, der am Beginn der Reihung abknickender Streifen steht. Er vermittelt außerdem zur unteren Motivkante, denn er wird in einer Linie bis nach unten durchgeführt. Allerdings trifft er dort nur mit der rechten Kante auf, die als schmaler horizontaler Streifen ausgebildet ist. Die Waagerechte wird weiter zur Blattmitte hin aufgenommen, zwischen beiden waagerechten Abschlüssen vermittelt eine senkrechte, so dass eine rechtwinklige Auskerbung entsteht. Er ist doppelt so breit wie die übrigen Streifen, was ihn, zusammen mit seiner Farbe, zu einem wichtigen Gestaltungsmerkmal des Blattes macht. Rechts davon schließt eine weitere trapezoide Form in gelb an, deren senkrechter rechter Abschluss mit der Senkrechten der trapezoiden Form an der rechten Blattkante korrespondiert.
Links des breiten roten Streifens ist zunächst ein ebenso breiter weißer Streifen, an den sich als Abschluss des Motivs ein gelbes Dreieck anschließt, dessen linke Kante in Verlängerung eine Ecke bildet mit der gedachten waagerechten Linie, die durch die Verlängerung der Unterkante der trapezoiden Form am rechten Blattrand entsteht. Seine obere Kante trifft in Verlängerung auf die Bruchkante, an der das kleine Querrechteck an die Großform anstößt.
Dieses Blatt, wie auch die vorangehenden (Inv.nr. 700.0101 – 0106) und die folgenden (Inv.nr. 700.0108 – 700.0116) sind der Ausstellung »Platzmal« auf dem Kleinen Schlossplatz Stuttgart und der Galerie der Stadt Stuttgart zuzuordnen, die vom 24. Juli bis 30. September 1969 zu sehen war. In diesem Zusammenhang stellen die vollfarbigen Flächen rund um die Farbfassung im Zentrum die an den Schlossplatz anschließenden Gebäude dar, während die quadratischen und rechteckigen Flächen die Positionen der Skulpturen bezeichnen, die während der knapp zwei Monate währenden Präsentation den Schlossplatz möblierten. Wie bereits 1966 anlässlich der Finissage in der (op) art-Galerie in Esslingen hatte Hajek eine Flugstaffel mobilisieren können, um damit den Luftraum zum Kunstraum zu erklären. Auf den für die Finissage zusätzlich entworfenen Flugblättern hatte Hajek diese Farbraumgestaltung über die Auflistung seiner Gedanken zu den »Farbwegen« ihnen zugeordnet, so dass auch diese Ausstellung im Außenraum mit ihrer verhältnismäßig geometrisch-linearen (Farb-)Anordnung ebenfalls den »Farbwegen« zugeordnet werden kann.
Mit seinem Bestreben, den Außenraum, insbesondere den Himmel, nichtmilitärisch und vor allem zweckfrei ästhetisch zu okkupieren, rückt Hajek an Otto Piene und dessen Überlegungen wie auch Aktionen – insbesondere an seine Sky Art, die zwischen 1968 und 1972 in der Nachfolge der »Lichtballette« entstand – heran. Schon anlässlich der ZERO-Feste 1961 und 1962 ließen Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker in Düsseldorf Luftballons steigen und strahlten diese, ebenso wie Silberfolien am Nachthimmel an. Allerdings fehlt bei Hajek im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern die zweckfreie Unbeschwertheit, mit denen sich die Düsseldorfer und ihr neues Selbstgefühl feierten, mit der ein Kunstwerk nicht über den Moment hinaus intendiert war. Im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern ist bei Hajek von Anfang an ein pädagogischer Auftrag spürbar, will er mit seinen Kunstwerken im Außenraum etwas bewirken, das über den Augenblick hinaus wirkt, und möchte mit ihnen nicht nur den Kunstinteressierten erreichen, sondern vor allem den Passanten, dem er mit seinen Kunstwerken »Stolpersteine« zur Erfahrung und Wahrnehmung des Ich in der urbanen Umwelt in den Weg legt.
nFußnote:
Weiterführend vgl. Ausst.Kat. Lübeck 1974, S. 61 – 63 und die Abbildungen in Stulle/Rupps, a.a.O., S. 58 ff.
Ausführlich zu den Lichtballetten und den Sky Events von Otto Piene vgl. Gerbing, Chris: »Mit 12 x 12 Scheinwerfern zum Mond« Die Universalität des Raums in den Lichtballetten und Sky Events von Otto Piene, in: Beuckers, Klaus G. (Hrsg.): Zero-Studien. Aufsätze zur Düsseldorfer Gruppe Zero und ihrem Umkreis. Münster 1997, S. 83–111, hier insbesondere S. 98 ff.