Inv.nr. 700.0113
Platzmal II (1970)
Serigrafie, Auflage 10/10, signiert rechts unten Hajek 70/21, bez. links unten 10/10 Platzmal II (beides Bleistift)
50 x 65 cm
Bei der vorliegenden Serigrafie handelt es sich um eine Verkürzung des Motivs der Serie Platzmalvariante I – V« (Inv.nr. 700.0102 – 0106) und um eine weitere Variation des Blattes »Platzmalanfang I« (Inv.nr. 700.0107). Bei den beiden Blättern »Platzmal I« und »Platzmal II« (Inv.nr. 700.0112 und 0113) handelt es sich um einen weiteren Zwischenschritt auf dem Weg zu der Serie der »Platzmalvarianten«, der ein weiterer Farbgang hinzugefügt wurde im Vergleich zu der Serie der »Platzmalanfänge«. Hajek hat hier im Unterschied zu den »Platzmalvarianten« die rahmende Struktur weg gelassen, also ausschließlich den durchkomponierten Platz dargestellt, und sich nun auf die drei Farben des Platzes in der Widergabe beschränkt, wobei im Vergleich zu den »Platzmalvarianten« noch die unregelmäßige Rasterstruktur der kleinen Hoch- und Querrechtecke fehlt. Eine klare Rahmenkante gibt es aufgrund der Einschnürungen und Überschneidungen nicht, die die rahmende Struktur auf den Blättern »Platzmalvariante« in Bezug auf die Platzgestaltung vorgenommen hat. Alle Bilder dieser Serie sind auf reinweißem Papier gedruckt, wodurch die Farben leuchten.
Das Motiv ist aus der Mitte deutlich nach rechts gerückt und in eine schmale, horizontale Zone am oberen Rand und eine annähernd querrechteckige, einen Großteil des Blattes einnehmende Zone unterteilt. Die schmale Zone bildet ein fast geschlossenes Querrechteck, das durch schräg nach links geneigte Streifen untergliedert wird. In den Ecken setzt kein weiterer Streifen an, der dann angeschnitten wäre; vielmehr sind diese in einer Farbe gehalten, wodurch trapezoide Formen entstehen. Auf rot folgt ein blauer und wiederum ein roter Streifen. Danach wird die geschlossene Form durch einen weißen Streifen aufgebrochen, der nach oben übergeht in das Weiß des Papiers. Es folgt zum Abschluss erneut eine rote Form, in Erweiterung des Streifens die Ecke ausfüllend.
Dieses System der Streifen entwickelt sich in der Großform nach unten hin weiter bzw. wird in ihr aufgenommen in einem lockeren Spiel von Positiv- und Negativform. Außerdem macht Hajek durch das Anfügen eines weiteren Streifens an der linken unteren Ecke des kleinen Querrechtecks deutlich, wie er den erweiterten Streifen – nämlich als solchen – gelesen haben möchte. Die sich nach unten entwickelnden Streifen am oberen Rand der Großform verlaufen in einem etwas längeren Streifen zunächst nach links – sie sind also nach rechts geneigt –, um dann nach rechts abzuknicken. Unterhalb des Knicks nehmen sie die Rechteckform wieder auf, da sie etwa so lang sind wie die ihr einbeschriebenen, allerdings ist ihre Neigung etwas flacher. Links der unteren linken Kante des Querrechtecks ist ein roter, abknickender Streifen zu sehen, auf den ein weißer folgt. An ihn schließt sich mit einem erneuten Neigungswechsel nach rechts ein weiterer kurzer roter Streifen – unterhalb des weißen Streifens – an. An den blauen Streifen oben fügt sich ein roter Streifen in der Großform an, auf den ein gelber Streifen folgt, der sich nach unten hin dadurch erweitert, dass seine rechte Kante weiter nach unten gezogen wurde. Er knickt links an der Kante des angrenzenden roten Streifens, rechts weiter unten ab und endet in einer Waagerechten. Diese ist nicht bis an seinen rechten Rand herangeführt, sondern endet kurz davor und wird in eine Senkrechte überführt, die fortgesetzt wird von der senkrechten Kante einer sich zum rechten Rand hin entwickelnden trapezoiden Form. Der gelbe Streifen wird von einem blauen Streifen abgelöst, dessen Bereich unterhalb des Knicks auf dieselbe Höhe herabgezogen wird, wie der kurze rote Streifen, der zuvor beschrieben wurde, der sich an die weiße, abgeknickte Fläche anschließt. Unterhalb des blauen Streifens, seine untere Kante aufnehmend, schließt sich die zuvor erwähnte trapezoide Form in rot an, die die Neigung des kurzen, nach rechts geneigten Streifens unterhalb der Zone abknickender Streifen aufnimmt.
Der blaue Streifen, von dem zuvor die Rede war, hat zugleich rahmende Funktion, betrachtet man ihn in Zusammenhang mit dem zweiten blauen Streifen, der in der linken Hälfte der Großform ist und im oberen Drittel überlagert wird von dem linken, abknickenden roten Streifen, der am Beginn der Reihung abknickender Streifen steht. Er vermittelt außerdem zur unteren Motivkante, denn er wird in einer Linie bis nach unten durchgeführt. Allerdings trifft er dort nur mit der rechten Kante auf, die als schmaler horizontaler Streifen ausgebildet ist. Die Waagerechte wird weiter zur Blattmitte hin aufgenommen, zwischen beiden waagerechten Abschlüssen vermittelt eine senkrechte, so dass eine rechtwinklige Auskerbung entsteht. Er ist doppelt so breit wie die übrigen Streifen, was ihn, zusammen mit seiner Farbe, zu einem wichtigen Gestaltungsmerkmal des Blattes macht. Rechts davon schließt eine weitere trapezoide Form in rot an, deren senkrechter rechter Abschluss mit der Senkrechten der trapezoiden Form an der rechten Blattkante korrespondiert.
Links des breiten blauen Streifens ist zunächst ein weißer Streifen, an den sich ein gelber Streifen anschließt. Er nimmt die Einkerbung, die Hajek bei dem breiten blauen Streifen vorgenommen hat, in einer seiner Breite entsprechenden Form auf. Den Abschluss des Motivs bildet, daran anschließend, ein rotes Dreieck, dessen linke Kante in Verlängerung eine Ecke bildet mit der gedachten waagerechten Linie, die durch die Verlängerung der Unterkante der trapezoiden Form am rechten Blattrand entsteht. Seine obere Kante trifft in Verlängerung auf die Bruchkante, an der das kleine Querrechteck an die Großform anstößt.
Dieses Blatt, wie auch die vorangehenden (Inv.nr. 700.0101 – 0112) und die folgenden (Inv.nr. 700.0114 – 700.0116) sind der Ausstellung »Platzmal« auf dem Kleinen Schlossplatz Stuttgart und der Galerie der Stadt Stuttgart zuzuordnen, die vom 24. Juli bis 30. September 1969 zu sehen war. In diesem Zusammenhang stellen die vollfarbigen Flächen rund um die Farbfassung im Zentrum die an den Schlossplatz anschließenden Gebäude dar, während die quadratischen und rechteckigen Flächen die Positionen der Skulpturen bezeichnen, die während der knapp zwei Monate währenden Präsentation den Schlossplatz möblierten. Wie bereits 1966 anlässlich der Finissage in der (op) art-Galerie in Esslingen hatte Hajek eine Flugstaffel mobilisieren können, um damit den Luftraum zum Kunstraum zu erklären. Auf den für die Finissage zusätzlich entworfenen Flugblättern hatte Hajek diese Farbraumgestaltung über die Auflistung seiner Gedanken zu den »Farbwegen« ihnen zugeordnet, so dass auch diese Ausstellung im Außenraum mit ihrer verhältnismäßig geometrisch-linearen (Farb-)Anordnung ebenfalls den »Farbwegen« zugeordnet werden kann.
Mit seinem Bestreben, den Außenraum, insbesondere den Himmel, nichtmilitärisch und vor allem zweckfrei ästhetisch zu okkupieren, rückt Hajek an Otto Piene und dessen Überlegungen wie auch Aktionen – insbesondere an seine Sky Art, die zwischen 1968 und 1972 in der Nachfolge der »Lichtballette« entstand – heran. Schon anlässlich der ZERO-Feste 1961 und 1962 ließen Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker in Düsseldorf Luftballons steigen und strahlten diese, ebenso wie Silberfolien am Nachthimmel an. Allerdings fehlt bei Hajek im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern die zweckfreie Unbeschwertheit, mit denen sich die Düsseldorfer und ihr neues Selbstgefühl feierten, mit der ein Kunstwerk nicht über den Moment hinaus intendiert war. Im Gegensatz zu den ZERO-Künstlern ist bei Hajek von Anfang an ein pädagogischer Auftrag spürbar, will er mit seinen Kunstwerken im Außenraum etwas bewirken, das über den Augenblick hinaus wirkt, und möchte mit ihnen nicht nur den Kunstinteressierten erreichen, sondern vor allem den Passanten, dem er mit seinen Kunstwerken »Stolpersteine« zur Erfahrung und Wahrnehmung des Ich in der urbanen Umwelt in den Weg legt.
nFußnote:
Weiterführend vgl. Ausst.Kat. Lübeck 1974, S. 61 – 63 und die Abbildungen in Stulle/Rupps, a.a.O., S. 58 ff.
Ausführlich zu den Lichtballetten und den Sky Events von Otto Piene vgl. Gerbing, Chris: »Mit 12 x 12 Scheinwerfern zum Mond« Die Universalität des Raums in den Lichtballetten und Sky Events von Otto Piene, in: Beuckers, Klaus G. (Hrsg.): Zero-Studien. Aufsätze zur Düsseldorfer Gruppe Zero und ihrem Umkreis. Münster 1997, S. 83–111, hier insbesondere S. 98 ff